Ansturm auf das Heilige Land -
Das Interesse aller Welt an Israel / Palästina im Jahrhundert vor der Staatsgründung
So lautet der vorläufige Arbeitstitel meines Dissertationsprojektes.Worum es geht?
Um etwa 1840 (nach dem jüdischen Kalender 5600) beginnt eine Phase großer Umwälzungen im "Heiligen Land" (das damals weder als "Israel" noch als "Palästina" als politische Einheit exisitierte, sondern sich auf einige Verwaltungsbezirke des Osmanischen Reiches aufteilte). Die von den europäischen Mächten als "Orientkrise" wahrgenommene ägyptische Invasion, welche nur mit europäischer Hilfe zurückgedrängt werden konnte, hinterließ trotz ihrer kurzen Dauer massive Spuren im politischen und gesellschaftlichem Gefüge. Es entsteht ein Wettbewerb unter christlichen europäischen Mächten um Einfluss im "Heiligen Land" - das Auftreten als Schutzmacht der christlichen Stätten soll politischen Gewinn bringen. Zunächst unabhängig davon aber zur gleichen Zeit regen sich erste konkrte Schritte eines politischen Zionismus, entweder auf religiöser Basis (so etwa bei den Rabbinern Kalischer und Alkalay), oder - mit der Zeit vorherrschend - als säkularisiertes politisches Konzept. Mit dem sich immer mehr abzeichnenden Zerfall des osmanischen Reiches beginnen auch diverse regionale Kräfte nach neuen Modellen und Identitäten zu suchen (darunter panarabische Modelle, aber auch ein neues Erstarken des Begriffs "Palästina" als Definition einer regionalen und mit der Zeit auch nationalen Einheit). Eine vielfältige und komplexe Kombination von Akteuren wirkt an all den Entwicklungen mit, die letztlich 1948 in die offizielle Gründung des Staates Israel münden.
Mein Dissertationsprojekt versucht, die an diesem Prozess beteiligten Akteure zu analysieren und dabei insbesondere auf verschiedene Modelle von Staat und Gesellschaft, welche sich bei den vielen und so verschiedenen Beteiligten finden, einzugehen.
Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet die europäischen Zionisten aus den "westlichen" Staaten, welche mit dem europäischem "westfälischem" Staatsmodell vertraut waren, in einer Zeit, in der eben jener europäische Nationalstaat als das gültige und erfolgversprechende Modell galt, im Laufe des israelischen State-building-Prozesses erfolgreicher und tonangebender waren, als solche Bevölkerungsgruppen, die an anderen Konzepten hingen. Gleichzeitig ist wohl zuzugeben, dass der Staat Israel letztlich nicht im geplanten Ausmaß als "Nationalstaat" nach europäischem Muster erstand. - Aus Sicht seiner Grundungsväter (-mütter?) gewiss ein Manko, aber angesichts heutiger Wahrnehmungen vom möglichen Ende oder zumindest starker Schwächung des Nationalstaates, muss dieses Manko gar nicht unbedingt ein Nachteil sein...